Karen Dionne - Die Moortochter

Karen Dionne - Die Moortochter

„Mein Vater zog mich groß und formte mich zu einer weiblichen Ausgabe seiner selbst, aber in dem er das tat, legte er den Keim zu seinem eigenen Niedergang.“
— Karen Dionne, Die Moortochter (S. 312)
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Klappentext:
Helena Pelletier lebt in Michigan auf der einsamen Upper Peninsula. Sie ist eine ausgezeichnete Fährtenleserin und Jägerin – Fähigkeiten, die sie als Kind von ihrem Vater gelernt hat, als sie in einer Blockhütte mitten im Moor lebten. Für Helena war ihr Vater immer ein Held – bis sie vor fünfzehn Jahren erfahren musste, dass er in Wahrheit ein gefährlicher Psychopath ist, der ihre Mutter entführt hatte. Helena hatte daraufhin für seine Festnahme gesorgt, und seit Jahren sitzt er nun im Hochsicherheitsgefängnis. Doch als Helena eines Tages in den Nachrichten hört, dass ein Gefangener von dort entkommen ist, weiß sie sofort, dass es ihr Vater ist und dass er sich im Moor versteckt. Nur Helena hat die Fähigkeiten, ihn aufzuspüren. Es wird eine brutale Jagd, denn er hat noch eine Rechnung mit ihr offen...

Some thoughts on ... „Die Moortochter“:
Wir kennen es doch alle: man meint man habe genug Urlaubslektüren im Gepäck, die ja auch bereits einen beachtlichen Platz im Koffer einnehmen, geschweige denn von ihrem Gewicht sind sie noch schwerer als Schuhe und Kleidungsstücke allemal. Am Flughafen angekommen, will man vor dem Boarding nur mal kurz schauen, ob die Flughafen-Buchhandlung mehr zu bieten hat als die heimische Mayersche. Und da ist es auch schon, das Buch das man unter all den Neuerscheinungen noch nicht kennt und das einen anstrahlt, als wäre es das einzige Exemplar. In der Hoffnung es passe noch ins Handgepäck, dicht gequetscht zwischen den anderen beiden Büchern, die man für den Flug eingepackt hatte, begibt man sich zur Kasse. Später stellt man dann fest, dass doch kein Platz mehr im Rucksack ist und so trägt man das Buch bis zum Urlaubsziel in der Hand. Unnötig zu erwähnen, dass dieser Thriller zu einen meiner spontanen Flughafen-Einkäufe gehörte.

„Die Moortochter“ beginnt 15 Jahre nachdem Helena und ihre Mutter dem Moor entkommen sind. Sie lebt inzwischen mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern ein friedliches Leben, bis zu dem Moment als sie erfährt, dass ihr Vater aus dem Gefängnis entflohen ist. Der Leser befindet sich direkt im Mittelpunkt des Geschehens, denn schon kurz nach Lesestart macht sich Helena auf die Jagd nach ihrem Vater. Durch die spannende Einleitung und das schnelle Tempo der Geschichte hatte ich zu Beginn viele Fragen im Kopf: „Wie hat der Vater ihre Mutter damals kidnappen können?“, „Wie hat die Mutter es geschafft, der Tochter zu verschweigen, dass sie entführt wurde?“, „Was für ein Mensch ist die Mutter?“, „Wie kam es dazu, dass Mutter und Tochter entkommen sind?" und schlussendlich „Wie ist die Beziehung zu ihrem Vater wirklich?“. Fragen über Fragen, die die Autorin gekonnt im Laufe der nächsten 380 Seiten zu meiner Zufriedenheit beantwortete. 

Stilistisch sehr schön gelöst, beginnt die Geschichte mit einem Auszug aus Hans Christian Andersen Märchen „Die Tochter des Moorkönigs“. Durch die gesamte Geschichte hinweg und bis zum Schluss finden wir weitere Teile des Märchens. Konzeptionell fand ich das außergewöhnlich und es hat mir sehr gut gefallen. Auch das die perfide Jagd zwischen Tochter und Vater alte Erinnerungen aufwühlt, die Helena dem Leser in durchgängigen und detaillierten Rückblenden wiedergibt, hat mir stilistisch sehr gut gefallen. So erfahren wir in den Rückblenden von dem Leben in der Moorhütte sowie von dem Leben danach. Es macht ungemein Spaß beides zu verfolgen, das macht das Buch durchgehend fesselnd und nervenaufreibend.

Helena ist die Ich-Erzählerin der Geschichte und spricht im Dialog mit dem Leser. Dabei siezt sie ihn, als würde sie ihre Geschichte einem Polizeibeamten berichten. Zu Beginn machte Helena  einen sehr arroganten Eindruck. Was daran lag, wie sie mit dem Leser sprach: „Aber ich werde Ihnen den Namen meiner Mutter nicht sagen. Denn dies ist nicht ihre Geschichte. Es ist meine.“ Aber daran habe ich mich gewöhnen können.

Ein großer Bestandteil der Geschichte ist die Beziehung zwischen ihr und ihrem Vater. Der Leser weiß nie genau woran er ist und da sich Tochter und Vater in der Gegenwart lange nicht begegnen haben wir als Anhaltspunkte nur die Rückblenden. Das macht es sehr schwer sowohl Helena als auch den Vater einzuschätzen. Ich war ständig hin und her gerissen und in vielen Dingen konnte ich Helena zuerst nicht verstehen. Ja ich habe mich sogar richtig über sie aufgeregt, weil sie für mich so ein Fragezeichen war. Was mir allerdings gefällt ist die Tatsache, dass alle meinen Erwartungen zu Anfang des Buches, die Helena betreffen, sich nicht erfüllt haben. Ich dachte sie würde ihren Vater hassen, langsam habe ich aber gemerkt, dass sie ihren Vater verehrt und ihre Mutter hasst. Sie verurteilt ihre Mutter dafür, dass sie schwach war. Das macht es für mich plötzlich viel spannender als zuerst angenommen. Dionne lässt sich viel Zeit die Beziehung zwischen Tochter und Vater und Tochter und Mutter zu erklären.

Total faszinierend fand ich den Handlungsort der Geschichte. Das Moor sowie die Upper Peninsula in Michigan mit all ihren Tieren und Pflanzen und Gewässern wurde atemberaubend detailliert beschrieben. Es hat mir sehr viel Freude bereitet mehr über das Leben der Indianer und der einsamen Upper Peninsula zu erfahren. Dionne selbst hat viele Jahre dort gelebt und schafft es den Ort für den Leser zum Leben erwecken. 

Was mir gefiel:
Der bis ins Detail beschriebene Handlungsort, sowie die komplexe Beziehung zwischen Vater und Tochter fand ich besonders spannend und außergewöhnlich.

Was mir fehlte:
Teils empfand ich Helena als arrogant. Es war ungewöhnlich für mich, dass ich eine Protagonistin nicht auf Anhieb sympathisch fand. Aber da dies mit Sicherheit von der Autorin gewünscht war und auch zur Geschichte passt, fand ich es absolut in Ordnung.

Mein Gesamteindruck:
„Die Moortochter“ ist eine Geschichte über Jäger und Sammler und erzählt im Kern die komplexe und tiefgründige Beziehung zwischen Vater und Kind, Opfer und Täter. Abgerundet wird das ganze mit einem tollen Handlungsort. Alles in allem sehr empfehlenswert!

Meine Bewertung:

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