Larry Brown - Fay

Larry Brown - Fay

„Sag nie, dass du was nie tun würdest, Schätzchen. Denn irgendwann bist du vielleicht dazu gezwungen.“
— Larry Brown, Fay (S. 222)
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Klappentext:
Unerfahren, ungebildet und ungeliebt. Ein Zuhause kann man die Hütte im Wald nicht nennen, in der die 17-jährige Fay mit ihrem gewalttätigen Vater und den beiden jüngeren Geschwistern lebt. So beschließt sie eines Tages, aus dem Hinterland Mississippis abzuhauen. Mit nichts als einer halben Packung Zigaretten und zwei Dollar in der Handtasche macht sie sich auf den Weg nach Süden Richtung Meer. Viele Männer kreuzen ihren Weg, nicht alle meinen es gut mit ihr. Und nicht alle überleben die Geschichte.

Some thoughts on ... „Fay“:
Nachdem ich eine Stunde lang die zahlreichen Bücher einer Buchhandlung durchstöberte, die Bestseller-Listen mich langweilten und ich eigentlich schon auf dem Weg nach Draußen war, stieß ich auf „Fay“. Die Geschichte hat mich instinktiv angesprochen und fasziniert und ich wollte mehr wissen. Da ich in der Regel klar definierte Genre (wie Krimis, Biografien, Liebesgeschichten etc.) lese, wusste ich nicht ganz wo ich den Roman einordnen sollte. Rückblickend hat er für mich von allem etwas, etwas von einem Liebesroman, etwas von einem Krimi und auch etwas autobiografisches, denn Larry Brown stammt selbst aus Mississippi und gewährt dem Leser Einblick in das Leben der Südstaaten.

„Fay“, mit etwas unter 700 Seiten, hat mich zugegebenermaßen nicht sofort gefesselt. Die Geschichte fängt zwar geheimnisvoll an und lässt den Leser lange im Dunkeln tappen, dennoch fehlte mir zu Anfang etwas der Zugang zu dem Buch. Man muss sich auf die Geschichte einlassen, und jegliche Erwartungen verabschieden, erst dann macht es Spaß in das Leben von Fay und in den Schreibtsil von Larry Brown einzutauchen. Für Diejenigen, die gerne längere Passagen von 50-100 Seiten am Stück lesen, ist das Buch genau das Richtige. Ich schätze, wenn man normalerweise nur ein paar Seiten pro Tag liest, wird man das Buch schnell weglegen.

Trotz ein paar Längen und des gemächlichen Tempos, in dem die Geschichte erzählt wird, passiert sehr viel Unerwartetes. Alle Ereignisse treffen den Leser wie einen Schlag aus dem Nichts. Der Autor behandelt sie allerdings so undramatisch und ruhig, als würde er über einen ereignislosen Nachmittag berichten. Das macht Spaß und hält den Leser bei der Laune und auf der Lauer. 

Wie schon erwähnt hat Larry Brown einen sehr interessanten Erzählstil, der einem erst am Ende des Romans so wirklich bewusst wird. Ziemlich genial konstruiert sind die unterschwelligen Taten derer Personen, denen Fay begegnet. Im gesamten Buch muss man zwischen den Zeilen lesen, in denen so viel erzählt wird und zum Vorschein kommt. Durch die Unerfahrenheit und vielleicht auch Naivität Fays, kann man als Leser manche Geschehnisse schneller deuten als die Protagonistin. So erkennt man, welche Leere Fay im Leben anderer füllen soll, bevor sie es selber ahnt. Gerade in Büchern analysiere ich menschliches Verhalten liebend gerne und versuche es zu deuten, das hat mir in dem Buch wirklich sehr viel Spaß gemacht. Es ist wie ein Rätsel, das man lösen muss. 

Für Abwechslung sorgen die vereinzelten Perspektivwechsel. Hier habe ich auch erst am Ende wirklich verstanden, welchem Muster sie folgen. Perspektivwechsel, solange sie weiterhin einen klaren Protagonisten zulassen, gefallen mir immer, da man Einblick in verschiedene Köpfe erhält, und sie die Geschichte auflockern und spannender machen.

Es hat mir Spaß gemacht, mich in der Welt von Fay zurechtzufinden. Auf ihrem Abenteuer trifft sie auf die unterschiedlichsten Gestalten, welche ihr Lektionen übers Leben lehren. Dabei lässt sie sich nicht unterkriegen und kämpft sich trotz schwerem Start durchs Leben und geht ihren ganz eigenen Weg raus aus der Adolescence.

Das Einzige, was mir fehlte, ist, dass man auf den knapp 700 Seiten nur Bruchstücke über Fays Leben auf der Farm erfährt. Sehr gerne hätte ich mehr erfahren, auch wie es dazu gekommen ist, dass sie geflohen ist und ihre Geschwister zurückgelassen hat. Nachdem ich das Buch beendet habe, habe ich erst erfahren, dass das Leben auf der Farm von Larry Brown in einem anderen Roman namens „Joe“ erzählt wird. Die einzig wirklichen Schwachstellen sind demnach für mich nur die Dialoge. Teils sind sie etwas stockend und nicht ganz flüssig. Hier weiß ich nicht ob es an der Übersetzung liegt oder am Autor. Ich denke aber es liegt an der Übersetzung, da ich einen Teil im Internet auf Englisch gelesen habe und mir die Dialoge im typischen Südstaaten-Dialekt flüssiger vorkamen. 

Was mir gefiel:
Der Roman regt zum Nachdenken an. Man kann sich richtig von der Geschichte treiben lassen, denn man weiß nie wohin sie einen führt. Am Ende war es für mich schon fast schmerzhaft das Buch wegzulegen, nachdem man Fay auf knapp 700 Seiten näher kennengelernt hat. Bis zum Schluss war mir vieles ein Rätsel, auch der Sinn des Buches, weshalb mir das Ende so gut gefallen hat, an dem dem Leser ein Licht aufgeht.

Was mir fehlte:
Teils hätte der Roman weniger Längen haben können, und der Fokus auf Zigaretten und auf Alkohol war mir persönlich etwas zu übertrieben. Alle 5-10 Seiten kommt es vor, dass jemand nach einer Zigarette kramt, eine Packung kauft oder eine raucht. Das war mir dann doch zu häufig und somit zu stark im Vordergrund.

Mein Gesamteindruck:
Rätselhaft und poetisch zugleich. Sehr interessante und distanzierte Erzählweise trotz vieler, teils grausamer Geschehnisse. Leider mit ein paar Längen, aus dem Grund nicht unbedingt etwas für langsame Leser.

Meine Bewertung:

Fay: Roman
EUR 22,99
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